Lilian Uchtenhagen lebt weiter, trotz ihres Todes

Lilian Uchtenhagen lebt weiter, trotz ihres Todes

Sie war eine der ersten Frauen im Nationalrat. Sie war die erste dieser Frauen, die im Rat das Wort ergriff. Und fast wäre Lilian Uchtenhagen auch erste Bundesrätin geworden. Und dennoch stand für sie etwas über all ihren Errungenschaften in der Politik – ihre Familie.

 “Ich stand immer gerne zuvorderst. Schon als Kind machte ich gerne als Erste etwas Neues”, erzählte Uchtenhagen den Medien. Doch erste Bundesrätin sollte sie dann doch nicht werden. An ihrer Stelle wurde damals Otto Stich gewählt, der bodenständige Solothurner aus dem Schwarzbubenland. “Ich bin wohl zu vielen Leuten auf die Füsse getreten”, sah es die ehemalige SP-Politikerin im Rückblick – und damit hatte sie zu hundert Prozent recht.

Die grösste Niederlage in ihrer Karriere hat Lilian Uchtenhagen zur historischen Figur der Schweizer Politik gemacht. Als offizielle Kandidatin der Sozialdemokraten erzielte sie 1983 nur 96 Stimmen, während der Überraschungskandidat Otto Stich 123 Stimmen für sich verbuchen konnte. Der Wahl-Eklat aber löste landesweite Schockwellen aus. Selbst die bürgerliche Mehrheit musste sich fortan überlegen, ob sie in Zukunft wieder die Frauen übergehen wollte. Und die SP stand vor der Frage, ob sie aus dem Bundesrat austreten sollte.

Für zahlreiche Frauen im Land erschien das Ereignis eine Fortsetzung der Männerherrschaft in der Politik, die erst mit der Einführung des Frauenstimmrechts zwölf Jahre zuvor, ein wenig zu bröckeln begann. Die spätere FDP-Präsidentin Christiane Langenberger entschied nach Uchtenhagens Nichtwahl, in die Politik einzusteigen, andere Frauen wehrten sich ebenfalls im gleichen Sinn. Und für die erste Bundesrätin Elisabeth Kopp, eine Freisinnige, wurde immerhin der Boden bestellt.

Uchtenhagen nannte als grösstes Scheitern stets die Volksabstimmung von 1959, als das Frauenstimmrecht am Volks- und Ständemehr scheiterte. Die Akademikerin Uchtenhagen stammte zwar aus höherer gesellschaftlicher Schicht, doch war sie eine grosse Pionierin mit tiefster sozialer Gesinnung. Sie galt zeitweise als mächtigste Frau der Schweizer Wirtschaft, amtete während 16 Jahren als Verwaltungsratspräsidentin von Coop Zürich LVZ und später während fünf Jahren als Präsidentin der Hilfsorganisation Swissaid.

Politisch gehörte Lilian Uchtenhagen zur damaligen “Viererbande” mit Helmut Hubacher, Walter Renschler und Andreas Gerwig. Sie öffnete die Arbeiterpartei für Bildungsschichten und trieb die bürgerliche Konkurrenz mit einem Powerplay unter der Bundeskuppel vor sich hin. Nach ihrem Rücktritt aus der Politik musste die Grand Dame Uchtenhagen aber nicht mehr zuvorderst stehen und äusserte sich nur noch sporadisch über Politik: In ihrem Bauernhaus am Zürichsee genoss sie die Ruhe zum Lesen. Und freute sich über die Besuche ihrer Enkel. “Früher habe ich viel gegärtnert, heute mag ich es nicht mehr so”, sagte sie im Jahr 2009, 81-jährig.

Beruflich wusste sie sich immer durchzusetzen in der Männerwelt. Privat aber harmonierte es: “Ich habe einfach einen tollen und gescheiten Mann”, schwärmte Uchtenhagen über den Suchtforscher Ambros Uchtenhagen. Und gemeinsam mit ihm war ihr auch ein Werk gelungen, das sie als das allerwichtigste in ihrem Leben sah: Die Erziehung dreier Geschwister, die das Ehepaar Uchtenhagen aus Madagaskar adoptiert hatte.

Lilian Uchtenhagen wurde im Jahr 1928 in Olten geboren, und wie es in der Eisenbahnstadt damals üblich war, trat sie 1970 der SP bei. Damals wohnte sie jedoch bereits in der Stadt Zürich. Nach der Einführung des Frauenstimmrechts wurde die Politikerin direkt in den Gemeinderat von Zürich und im November 1971 in den Nationalrat gewählt. 1991 trat sie schliesslich nicht mehr zur Wiederwahl an.

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